Sex, Körper, Gesundheit. Für schwule MännerOktober 2026
Gesundheit

Wo sind die Freunde hin? Einsamkeit unter schwulen Männern ab 40

Erst ziehen die Paare in die Vororte, dann schläft der Gruppenchat ein. Über eine Einsamkeit, die selten jemand zugibt

Von der Redaktion · 2. Oktober 2026 · 4 Min.
Mann im dunklen Sakko sitzt allein am Tresen einer leeren, schummrig beleuchteten Bar und trinkt aus einem Glas, ringsum leere Stühle
Foto: Pexels

Der Gruppenchat trägt noch den Namen, den ihm jemand vor zwölf Jahren nach einer Party gegeben hat, an die sich keiner mehr genau erinnert. Die letzte Nachricht ist ein Geburtstagsgruß, davor kommt ein Urlaubsfoto, davor wieder ein Geburtstagsgruß. Mit Mitte zwanzig musstest du dich um Freundschaften nicht kümmern, sie passierten einfach. Man sah sich am Donnerstag in derselben Bar, am Samstag auf derselben Party und am Sonntag beim Brunch, der um drei Uhr nachmittags anfing, ohne dass ihn jemand verabredet hätte. Die Clique war ein Ort, an den man ging, und kein Projekt, das gepflegt werden wollte. Dass das ein Luxus war, merkst du meistens erst, wenn er weg ist.

Wie sich eine Clique auflöst

Mit einem Knall passiert das selten. Einer zieht mit seinem Freund ins Umland, weil die Wohnung in der Stadt zu klein und zu teuer geworden ist. Zwei andere heiraten und haben auf einmal Schwiegereltern, deren Geburtstage sich in den Kalender drängen. Der Nächste hat einen Job, nach dem er um zehn ins Bett fällt. Gestritten hat sich niemand. Es lädt bloß keiner mehr ein.

Für viele von uns hängt daran mehr als ein paar gute Abende. Die Freunde waren oft der Ersatz für eine Familie, die nach dem Coming-out auf Abstand gegangen ist oder nie ganz verstanden hat, wer man ist. Chosen family heißt das in der Szene, und es klingt schöner, als es sich anfühlt, wenn diese Familie langsam in Einzelhaushalte zerfällt. Gleichzeitig verliert der Ort, der das alles lange zusammengehalten hat, seinen Reiz. Wer mit 43 nicht mehr bis vier Uhr im Club stehen will, verliert damit auch die Gelegenheit, sich ohne Absprache wiederzusehen.

Single mit 45, Paar mit 45

Für Singles wird die Lücke zuerst sichtbar. Die Freunde von früher sind verpartnert und abends verplant, und Grindr füllt zwar den Freitagabend, aber selten den Sonntagnachmittag. Dann sitzt du allein in der Bar, in die du früher zu sechst gekommen bist, und schaust alle paar Minuten aufs Handy, als käme gleich noch jemand.

Paare trifft es leiser. Wer zu zweit lebt, bemerkt lange nicht, dass der Freundeskreis schrumpft, weil ja immer jemand zu Hause ist. Der Partner wird nach und nach zum besten Freund, zum Seelsorger und zum einzigen Menschen, mit dem du die Woche besprichst. Solange es gut läuft, ist das romantisch. Läuft es schlecht, trägt die Beziehung eine Last, für die sie nie gebaut war, und spätestens bei einer Trennung zeigt sich, wie viele der gemeinsamen Freunde eigentlich seine waren.

Mehr als schlechte Laune

Einsamkeit ist weder ein Charakterfehler noch eine Frage der richtigen Einstellung. Wer über lange Zeit isoliert ist oder sich so fühlt, hat nach allem, was man weiß, ein höheres Risiko für Depressionen, für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und für schlechten Schlaf. Die Weltgesundheitsorganisation behandelt soziale Verbundenheit inzwischen ausdrücklich als Gesundheitsthema und nicht als Privatsache.

Das Tückische ist, dass kaum jemand darüber redet. Unter Männern gilt es ohnehin als Niederlage, keine Freunde zu haben, und wer sich als schwuler Mann über Jahre ein dickes Fell zugelegt hat, gibt Bedürftigkeit nicht gerade leichter zu. Man ist dann eben gerade viel beschäftigt.

Freundschaft braucht einen Kalender

Die Lösung ist unromantisch. Im Erwachsenenalter entsteht Freundschaft nicht mehr von selbst, weil die Gelegenheiten fehlen, die sie früher hervorgebracht haben, also dieselbe Bar, dieselbe Uni, dieselbe Party jede Woche. Was der Zufall nicht mehr leistet, muss die Struktur übernehmen. Das klingt nach Projektmanagement und funktioniert trotzdem.

Konkret heißt das feste Termine statt „wir müssen mal wieder“. Am ersten Montag im Monat wird zusammen gegessen, egal wer gerade kann. Der Laufclub am Sonntag, der Chor, die Boulderhalle, alles, was regelmäßig stattfindet und dieselben Gesichter zurückbringt, ist mehr wert als drei spontane Abende im Jahr. Wenn du öfter einlädst als die anderen, zähl nicht mit. Irgendwer muss den Gruppenchat wiederbeleben, und die meisten sind insgeheim erleichtert, dass es jemand anderes war.

Es lohnt sich auch, über den eigenen Jahrgang hinauszuschauen. Freundschaften mit Jüngeren oder Älteren, mit dem Nachbarn oder dem Kollegen, mit dem du bisher nur an der Kaffeemaschine geredet hast, wachsen langsamer. Dafür hängen sie nicht an derselben Lebensphase und lösen sich nicht im selben Jahr auf.

Die Clique mit dem Donnerstag in derselben Bar und dem Brunch, den niemand geplant hatte, kommt so nicht zurück. Ein Abendessen am ersten Montag im Monat ist trotzdem kein schlechter Ersatz. Nach einem Jahr fragt keiner mehr, wer es eigentlich angesetzt hat.

Mehr lesen