Sex, Körper, Gesundheit. Für schwule MännerOktober 2026
Kultur

Wenn die Bar zumacht: Wohin die Szene wandert

Die Gay-Bar um die Ecke wird seltener. Wohin sich die Szene verlagert hat und wer dabei zurückbleibt

Von der Redaktion · 4. Oktober 2026 · 4 Min.
Leere Treppe mit abgewetzten Regenbogenstufen bei Nacht, magentafarbenes Licht, Herbstlaub auf dem Gehweg
Foto: Pexels

Wer früher als schwuler Mann in eine fremde Stadt kam, hatte eine Frage, bevor er überhaupt den Koffer abgestellt hatte. Er wollte wissen, wo die Bar ist. Nicht irgendeine, sondern die eine, in der man ohne Verabredung auftauchen konnte und trotzdem nicht allein blieb. Läuft man heute durch die einschlägigen Viertel, sind solche Orte weniger geworden. Manche haben Jahrzehnte durchgehalten und dann still die Rollläden heruntergelassen, andere sind zu Lokalen geworden, in denen das Publikum gemischt ist und die Regenbogenfahne eher Deko als Aussage.

Das ist kein deutsches Phänomen und auch kein neues. Aus London, New York oder San Francisco gibt es seit Jahren Berichte über schließende Gay-Bars, und in Berlin, Hamburg oder Köln kann fast jeder, der länger dabei ist, von mindestens einem Laden erzählen, den es nicht mehr gibt. Die Gründe sind nicht geheimnisvoll, sie überlagern sich nur.

Die Bar in der Hosentasche

Der naheliegendste Grund ist das Telefon. Die Bar war lange der Ort, an dem man herausfand, wer sonst noch so ist, wer gerade Single ist und wer Lust hat. Diese Aufgabe haben Grindr, ROMEO und die anderen Apps zu großen Teilen übernommen, schneller und diskreter. Wer nur jemanden kennenlernen will, muss dafür nicht mehr vor die Tür. Überflüssig wird die Bar dadurch nicht, aber ihr fehlt der Grund, aus dem viele früher hingegangen sind, auch an Abenden, an denen sie eigentlich gar keine Lust auf ein Bier hatten.

Dazu kommt etwas, das man schlecht beklagen kann, weil es ein Erfolg ist. Seit der Ehe für alle und einem insgesamt entspannteren Klima in den Großstädten müssen viele schwule Männer nicht mehr in einen eigenen Raum ausweichen, um sie selbst zu sein. Man küsst seinen Freund auch in der Weinbar um die Ecke, und meistens dreht sich niemand um. Die geschützte Nische war früher eine Notwendigkeit. Für viele Jüngere ist sie heute eine Option unter mehreren.

Mieten, Viertel, Lockdown

Der zweite Grund ist weniger romantisch. Gay-Bars sind oft kleine Betriebe mit schmalen Margen, und sie sitzen gern in Vierteln, die einmal gerade ihretwegen interessant wurden. In Schöneberg lagen rund um den Nollendorfplatz schon in den Zwanzigerjahren schwule Lokale, heute ist die Gegend eine teure Adresse, und Ähnliches gilt für St. Georg in Hamburg oder das Glockenbachviertel in München. Läuft ein Mietvertrag aus, konkurriert der Wirt mit Ketten, Büros und Nachbarn, die nachts ihre Ruhe wollen. Die Szene hat diese Viertel aufgewertet und wird dann von genau diesem Wert verdrängt.

Die Pandemie hat vielen Betrieben den Rest gegeben. Erst monatelang geschlossen, danach Gäste, die sich an andere Abende gewöhnt hatten, dazu höhere Kosten für Energie und Personal. Nicht jede Schließung der letzten Jahre geht darauf zurück, aber wer vorher schon knapp kalkuliert hatte, kam aus dieser Zeit oft nicht mehr heraus.

Wo die Leute jetzt sind

Verschwunden ist die Szene deshalb nicht, sie hat nur ihre feste Adresse aufgegeben. Ein großer Teil des Ausgehens läuft heute über Partyreihen, die alle paar Wochen in einem anderen Club oder einer angemieteten Halle stattfinden und über Instagram oder Gruppenchats angekündigt werden. Daneben wächst, was man früher Vereinsleben genannt hätte. Schwule und queere Sportvereine gibt es in den meisten größeren Städten, vom Volleyball bis zum Schwimmen, dazu Laufgruppen, Chöre und Wandergruppen. Wer sonntags um zehn mit einem Dutzend anderer Männer durch den Park läuft, gehört genauso zur Szene wie früher der Stammgast am Tresen, nur mit besserem Ruhepuls.

In vieler Hinsicht ist das ein Fortschritt. Man trifft sich über ein gemeinsames Interesse statt über Alkohol und Anmache, und diese Runden sind oft offener für Männer, die mit dem klassischen Barbetrieb nie warm geworden sind.

Was dabei verloren geht

Der Preis ist, dass die neuen Orte flüchtig sind. Eine Partyreihe findet statt und ist wieder weg, ein Verein verlangt Anmeldung, feste Termine und eine gewisse Kondition. Man muss wissen, wann was läuft, im richtigen Chat sein und sich jedes Mal aktiv entscheiden. Die alte Bar verlangte nichts davon. Sie hatte offen, auch an einem Dienstag um neun, und man konnte einfach reingehen.

Am härtesten trifft das die Älteren. Für Männer über sechzig, die nicht auf Apps unterwegs sind, keine Lust auf Clubnächte bis sechs Uhr früh haben und vielleicht keinen Partner mehr, war die Stammkneipe oft der einzige feste Ort, an dem man sie beim Namen kannte. Wenn sie schließt, zieht ihr Publikum nicht geschlossen in den Laufclub um. Ein Teil bleibt einfach zu Hause.

Die Szene ist beweglicher geworden, und wer jung, fit und gut vernetzt ist, spürt davon vor allem die Vorteile. Offen ist, ob sie auch für die einen Platz behält, die nicht mehr mitwandern wollen oder können.

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