Sex, Körper, Gesundheit. Für schwule MännerOktober 2026
Kultur

Schwule Romane, in denen am Ende keiner stirbt

Jahrzehntelang endete schwule Literatur im Unglück. Diese Romane gehen anders aus, und schlechter werden sie dadurch nicht

Von der Redaktion · 12. Oktober 2026 · 4 Min.
Drei Bücher mit Lesebrille auf einem Nachttisch aus dunklem Holz, daneben eine Messinglampe, eine Tasse und die Bettkante, warmes Abendlicht
Illustration

Irgendwann lernst du, hundert Seiten vor Schluss vorsichtig zu werden. Wer mit schwuler Literatur groß geworden ist, liest das Ende mit, bevor es kommt, und die Ahnung trügt selten. In Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ stirbt Gustav von Aschenbach am Lido, ohne je ein Wort mit dem Jungen gewechselt zu haben, nach dem er sich verzehrt. In James Baldwins „Giovannis Zimmer“ wartet auf Giovanni die Guillotine. In Annie Proulx’ Erzählung „Brokeback Mountain“ stirbt Jack, und Ennis bleiben zwei alte Hemden im Schrank. Drei großartige Bücher. Hintereinander gelesen legen sie trotzdem nahe, dass für Männer wie uns am Schluss nur der Tod vorgesehen ist, die Einsamkeit oder eine Ehe mit der falschen Person.

Im Englischen hat das Muster einen eigenen Namen, „Bury Your Gays“. Gemeint ist die Gewohnheit von Romanen, Filmen und Serien, ihre schwulen und lesbischen Figuren auffallend oft sterben zu lassen, als müsste sich die Geschichte am Ende für sie entschuldigen.

Das Ende, das nicht gedruckt wurde

Wie tief das saß, zeigt kein Buch so deutlich wie „Maurice“ von E. M. Forster. Er schrieb den Roman 1913 und 1914, eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die gut ausgeht, und genau daran scheiterte sie. In einer späteren Nachbemerkung hielt Forster fest, dass das glückliche Ende für ihn unverzichtbar war und das Buch deshalb nicht erscheinen konnte. Mit einem Selbstmord oder einer Strafe am Schluss wäre es leichter durchgegangen. Veröffentlicht wurde „Maurice“ erst 1971, nach seinem Tod.

Das Unglück am Ende war lange der Eintrittspreis. Von schwulem Begehren durfte erzählt werden, solange feststand, dass es sich nicht lohnt. Diese Logik hat die Bücher überlebt, die sie hervorgebracht haben. Noch Hanya Yanagiharas „A Little Life“, einer der meistdiskutierten Romane der 2010er-Jahre, ist im Kern eine lange, kunstvoll erzählte Leidensgeschichte. Das sagt weniger über dieses eine Buch als darüber, was Kritik und Publikum bei schwulen Figuren lange für ernsthaft hielten.

Ein Pulitzer zum Lachen

Umso schöner, dass der Pulitzerpreis für Belletristik 2018 an einen Roman ging, über den du laut lachen kannst. In Andrew Sean Greers „Less“, auf Deutsch „Mister Weniger“, steht Arthur Less kurz vor dem Fünfzigsten. Er ist ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller, und sein langjähriger, jüngerer Geliebter heiratet einen anderen. Um der Hochzeit zu entkommen, nimmt Less jede noch so absurde Einladung ins Ausland an, von Mexiko über Italien und Berlin bis nach Japan. Herausgekommen ist eine Komödie über das Älterwerden, über Eitelkeit und die Angst, die eigene Liebesgeschichte verpasst zu haben. Wie sie ausgeht, sei hier nicht verraten, nur so viel: Im Meer verschwindet niemand.

Dass ausgerechnet dieses Buch gewann, ist mehr als eine Fußnote. Ein schwules Leben ohne Katastrophe muss offenbar nicht schwer wiegen, um als große Literatur zu gelten.

Und dann darf es auch süß sein

Nicht jedes Buch braucht einen Preis. Casey McQuistons „Red, White & Royal Blue“ erzählt von Alex, dem Sohn der ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten, der sich ausgerechnet in einen britischen Prinzen verliebt. Das ist so unwahrscheinlich, wie es klingt, und der Roman weiß das. Er wurde zum Bestseller und 2023 verfilmt. Alexis Halls „Boyfriend Material“ ist eine sehr britische Komödie über Luc, den Sohn eines Rockstars, der für sein ramponiertes Image dringend einen vorzeigbaren Freund braucht und sich dafür einen steifen Anwalt namens Oliver ausleiht. Selbst wer Fake-Dating für ausgelutscht hält, wird ein paar Mal grinsen. Und TJ Klunes „The House in the Cerulean Sea“, auf Deutsch „Mr. Parnassus’ Heim für magisch Begabte“, schickt einen pedantischen Sachbearbeiter auf eine Insel. Dort soll er ein Waisenhaus für magische Kinder prüfen und findet, ohne es zu merken, ein Zuhause.

Man kann diesen Büchern vorwerfen, dass sie es ihren Figuren leicht machen. Manches ist zuckrig, manche Wendung siehst du drei Kapitel im Voraus kommen. Nur hat sich darüber niemand beschwert, solange Heteroromane über Generationen mit einer Hochzeit endeten.

Späte Normalität

Ein glückliches Ende ist kein Kitsch, solange es nicht das einzige erlaubte ist, und für schwule Figuren war es lange überhaupt nicht erlaubt. Dass zwei Männer sich am Schluss eines Romans einfach behalten dürfen, ist in der Literatur erstaunlich spät normal geworden. Forster hat es vor über hundert Jahren aufgeschrieben und die Veröffentlichung nicht mehr erlebt. Wenn du heute Abend eines dieser Bücher zuklappst und dabei lächelst, liest du also nicht naiv. Du holst nur nach, was lange gefehlt hat.

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