Lissabon jenseits von Príncipe Real
Das Szeneviertel kennt ihr schon. Zu zweit liegt der bessere Teil der Stadt hinter der nächsten Steigung, auf Aussichtspunkten und an langen Tischen

Beim ersten Mal ist Lissabon eine Adresse. Du wohnst in Laufweite von Príncipe Real, trinkst am ersten Abend etwas unter den alten Bäumen im Park, ziehst später durch die Bars Richtung Bairro Alto, und auf Grindr ist das Raster voller Männer, die auch nur bis Sonntag bleiben. Nach vier Tagen fliegst du mit dem Gefühl nach Hause, die Stadt zu kennen. Kommst du Jahre später mit deinem Freund wieder, merkst du, dass du vor allem ein Viertel kanntest. Der Rest lag die ganze Zeit hinter der nächsten Steigung.
Lissabon ist auf Hügeln gebaut, und das spürt ihr zuerst in den Waden. Die Gehwege aus hellem Pflasterstein sind schön und bei Nässe tückisch glatt, die Gassen führen selten dorthin, wo das Handy sie vermutet, und zehn Minuten bergauf haben mit zehn Minuten bergab wenig gemeinsam. Die guten Schuhe sind hier wichtiger als jedes Hemd im Koffer.
Oben sitzen und nichts tun
Das eigentliche Programm der Stadt sind ihre Miradouros, die Aussichtspunkte. Oft ist das nur ein kleiner Platz mit Geländer, ein paar Bänken und manchmal einem Kiosk. Der Miradouro de São Pedro de Alcântara liegt fast vor der Tür, wenn ihr aus Príncipe Real kommt, und schaut über die Baixa hinweg zur Burg. Die schöneren Abende verbringt ihr auf der anderen Seite des Tals, oben in Graça am Miradouro da Senhora do Monte, von wo die Stadt bis hinunter zum Tejo vor euch liegt.
Dann bleibt ihr sitzen. Ein Glas, eine Stunde, das Licht wandert über die Dächer, irgendwo unten quietscht eine Straßenbahn um die Kurve. Wer im Urlaub gern Listen abhakt, tut sich damit anfangs schwer. Am dritten Abend ist es euer Ritual.
Die 28, und warum ihr auf sie warten solltet
Die Tram 28 ist das berühmteste Verkehrsmittel der Stadt, eine Linie mit alten gelben Wagen, die sich von Martim Moniz durch Graça und Alfama, durch die Baixa und hinauf nach Estrela bis Campo de Ourique windet. Tagsüber ist sie oft so voll, dass ihr von der Fahrt vor allem fremde Rucksäcke seht. Fahrt früh am Morgen oder steigt an einer Endhaltestelle ein, dort sind die Chancen auf einen Fensterplatz besser. Kommt der Wagen schon voll an, lasst ihn fahren. Der nächste kommt, und viele Abschnitte der Strecke geht ihr ohnehin gut zu Fuß.
Alfama erschließt sich nur zu Fuß. Das alte Viertel unterhalb der Burg ist ein Gewirr aus Treppen, Wäscheleinen und Gassen, in denen ihr euch zuverlässig verlauft, und genau dafür seid ihr hier. Abends dringt aus manchen Türen Fado, und spätestens dann ahnt ihr, warum das Portugiesische mit Saudade ein eigenes Wort für diese Art von Sehnsucht hat.
Ein Tag raus
Belém liegt im Westen am Fluss, das Lissabon der Seefahrer mit dem Mosteiro dos Jerónimos und der Torre de Belém. Es ist touristisch, aber flach, weitläufig und am Wasser, also ein guter Tag für müde Beine. Dazu gehört ein Pastel de Nata, noch warm, und ausdrücklich keine Debatte darüber, ob es der beste der Stadt war.
Für einen ganzen Tag nehmt ihr den Zug. Vom Bahnhof Rossio fährt er nach Sintra in die Hügel, zu Palästen, verwunschenen Gärten und einem Klima, das oft kühler und nebliger ist als unten in der Stadt. Entspannter ist die Strecke ab Cais do Sodré, die am Wasser entlang nach Cascais führt, in einen alten Fischer- und Badeort, wo ihr am Meer sitzt und abends trotzdem zurück seid. Jedes der beiden Ziele füllt einen Tag, beide zusammen sind zu viel.
Spät essen, lange sitzen
In Lissabon wird später gegessen als in Hamburg oder Zürich, und das Abendessen ist hier weniger ein Termin als der Abend selbst. Wenn der Kaffee getrunken ist, drängt meist niemand, der Wein aus dem eigenen Land ist gut, und Fisch ist in einer Stadt so nah am Atlantik selten die falsche Wahl. Wenn bei euch zu Hause unter der Woche beim Essen die Handys auf dem Tisch liegen, ist das der eigentliche Gewinn dieser Reise.
Danach geht es zurück ins Quartier, natürlich bergauf. Irgendwo auf halber Höhe bleibt ihr am Geländer stehen, nur zum Verschnaufen, und daraus wird die schönste Aussicht des Tages. Príncipe Real ist immer noch da, ein paar Straßen weiter. Ihr müsst nur nicht mehr jeden Abend hin.


