Skifahren unter sich: Für wen sich eine Gay Ski Week lohnt
Tagsüber Piste, abends Party und an der Bar plötzlich die Mehrheit. Was Arosa und Tignes bieten und wem eine normale Skiwoche besser bekommt

Zehn Minuten Gondel können sehr lang sein, wenn man sie als Männerpaar mit einer Familie teilt, deren Jüngster noch nicht gelernt hat wegzuschauen. Der normale Skiurlaub hat seine feste Choreografie. Morgens Kinder am Lift, mittags Hüttenschlager, abends ein Hotelrestaurant, in dem man entweder gar nicht auffällt oder genau einmal zu lange angeschaut wird. Man hat sich daran gewöhnt und rechnet es kaum noch mit. Eine Gay Ski Week dreht das Verhältnis für eine Woche um. Ort und Pisten bleiben dieselben, aber an der Bar, in der Gondel und beim Abendessen sind plötzlich die meisten schwul. Für manche wird das die beste Woche des Winters, für andere ein ziemlich teures Missverständnis.
Arosa und Tignes
In den Alpen haben sich über die Jahre zwei Adressen etabliert. Die Arosa Gay Ski Week findet traditionell im Januar statt, in Graubünden. Arosa liegt am Ende des Schanfiggs oberhalb von Chur, die Rhätische Bahn braucht für die Strecke etwa eine Stunde, mit vielen Kurven und Viadukten, und schon die Anreise fühlt sich an, als würde man den Alltag unten im Tal abstellen. Seit gut einem Jahrzehnt ist das Skigebiet mit Lenzerheide verbunden, an Pisten fehlt es also nicht. Das Dorf selbst ist klein, und genau das prägt die Woche. Wen du morgens am Lift siehst, triffst du nachts auf der Tanzfläche wieder.
Die European Snow Pride in Tignes liegt im März, in Savoyen, im selben Skigebiet wie Val d’Isère. Tignes ist hoch gelegen und hat mit der Grande Motte einen Gletscher im Rücken, was spät in der Saison einiges ausmacht. Die Tage sind länger, die Sonne kräftiger, der Schnee oben meist noch gut. Ein Postkartendorf ist Tignes nicht, eher ein Retortenort aus Beton, dafür größer, internationaler und abends lauter als Arosa. Mit dem Zug geht es bis Bourg-Saint-Maurice, von dort mit dem Bus hinauf.
Beide Termine verschieben sich von Jahr zu Jahr um ein paar Tage, vor dem Buchen also auf den Seiten der Veranstalter nachsehen. Und beide Orte bleiben in dieser Woche ganz normale Skiorte, in denen auch Familien und Firmengruppen unterwegs sind, die vom Programm höchstens am Rand etwas mitbekommen.
Was die Woche eigentlich ist
Das Grundmuster ist bei beiden ähnlich. Tagsüber wird Ski gefahren, oft in einer losen Gruppe, die sich am ersten Morgen zusammenfindet. Ab dem späten Nachmittag beginnt das, wofür viele eigentlich anreisen, also Après-Ski, ein Abendessen, das sich zieht, und Partys, die selten vor Mitternacht in Fahrt kommen. Je nach Ausgabe gibt es Shows, Themenabende und gemeinsame Pistentage. Das Programm ist dicht genug, dass niemand allein bleiben muss, und locker genug, dass man einen Abend auch auslassen kann.
Den Reiz macht trotzdem etwas anderes aus. Es ist die Entspannung, die einsetzt, wenn man in einem Bergort nicht mehr die Ausnahme ist. Du legst in der Gondel den Arm um deinen Freund, ohne vorher die Mitfahrer zu sortieren. Du flirtest in der Liftschlange und drehst dich danach nicht um. Wer das ein paar Tage lang hatte, versteht, warum so viele jedes Jahr wiederkommen.
Für wen es passt und für wen nicht
Am meisten holen Gruppen heraus. Vier oder sechs Freunde, die sich eine Wohnung teilen, tagsüber zusammen fahren und abends ausschwärmen, nutzen die Woche genau so, wie sie gedacht ist. Singles kommen ebenfalls auf ihre Kosten, denn kaum irgendwo lernt man so schnell Leute kennen wie in einem Bergdorf, in dem abends alle dieselben paar Bars ansteuern. Grindr wird in dieser Woche ohnehin seltsam, wenn das halbe Raster beim Frühstück am Nebentisch sitzt.
Weniger glücklich werden Paare, die Ruhe suchen. Die Orte sind voller, abends einen Tisch zu bekommen ist schwieriger, und wer um zehn schlafen will, hört die Nacht trotzdem durchs Fenster. Auch wer vor allem zum Skifahren kommt, wegen leerer Pisten, erster Bahn und Abenden mit Buch, zahlt hier für ein Programm, das er nicht nutzt.
Für diese Leute gibt es eine einfache Lösung. Fahr in denselben Ort, nur eine Woche später. Der Schnee ist derselbe, die Bergbahn auch, und die Bars sind wieder halb leer. Ein Ort, der jedes Jahr eine Gay Ski Week ausrichtet, hat sich seine Gastfreundschaft selten nur für sieben Tage antrainiert.


