Die Gay-Uniform: Warum wir alle gleich aussehen und wie man rauskommt
Enges Shirt, kurze Shorts, weiße Sneaker. Eine liebevolle Abrechnung mit dem Look, den jeder von uns erkennt, und drei Wege hinaus

Man erkennt ihn auf zwanzig Meter, am Nollendorfplatz genauso wie auf der Strandpromenade von Sitges. Das T-Shirt spannt an Brust und Oberarmen. Die Shorts enden eine Handbreit über dem Knie, die Sneaker sind weiß und so sauber, dass man den Pflegeaufwand ahnt. Dazu ein gepflegter Bart oder ein sehr gepflegtes Nichts, die Sonnenbrille hängt im Ausschnitt. Wer in den letzten zehn Jahren auf Dachterrassen, beim Sonntagsbrunch oder im Grindr-Raster unterwegs war, hat diesen Mann tausendfach gesehen. Gut möglich, dass er dir heute Morgen aus dem Spiegel entgegengeschaut hat.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eher ein Geständnis, und die meisten von uns müssten es mit unterschreiben.
Warum die Uniform funktioniert
Uniformen entstehen nicht, weil Menschen keine Fantasie haben, sondern weil sie etwas leisten. Schwule Männer haben schon immer über Kleidung kommuniziert, lange bevor eine App das übernommen hat. Der Clone-Look der Siebziger, mit Schnurrbart, kurzen Haaren, Jeans, Karohemd und Arbeitsstiefeln, war im Castro in San Francisco und rund um die Christopher Street in New York ein Erkennungszeichen. Er war zugleich eine bewusste Absage an das Bild vom weichen, femininen Schwulen, das die Mehrheitsgesellschaft von uns hatte.
Der heutige Look leistet im Grunde dasselbe, nur leiser. Er sagt, dass man dazugehört und sich um seinen Körper kümmert. Er ist sicher, weil er nie ganz danebenliegt, und bequem, weil man morgens nicht nachdenken muss. Und er zeigt einen Körper, in den viele von uns eine Menge Stunden gesteckt haben. Dass man den auch sehen lassen will, ist nur menschlich.
Das Problem ist, dass ein Erkennungszeichen, das alle tragen, irgendwann nichts mehr über den Einzelnen verrät. Die Uniform sagt, dass du schwul bist und trainierst. Ob du Architekt bist oder Krankenpfleger, ob du Sonntagmittag noch im Berghain stehst oder beim ESC-Abend die Punkte mitschreibst, darüber schweigt sie. Falsch ist sie deshalb nicht, nur austauschbar.
Passform statt Präsentation
Der erste Ausweg ist der unspektakulärste und verlangt keine neue Persönlichkeit, nur einen ehrlichen Blick auf die Passform. Das enge T-Shirt ist meistens nicht eng, weil es passt, sondern weil es vorführt. Ein Shirt, das an den Schultern sauber sitzt, dessen Ärmel etwa auf halber Höhe des Oberarms enden und das am Körper fällt, statt an ihm zu kleben, zeigt die Figur trotzdem. Es zeigt sie nur so, als wäre das nicht der Zweck. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen einem Mann, der gut gebaut ist, und einem, der möchte, dass du es bemerkst.
Bei der Hose gilt dasselbe in umgekehrter Richtung. Wer die kurzen Shorts einen Sommer lang gegen eine Hose mit etwas Weite und einem sauberen Bund tauscht, sieht nicht weniger attraktiv aus, sondern auf einmal erwachsener. Lange Hosen gibt es übrigens auch im August, das hat sich nur noch nicht in allen Kreisen herumgesprochen.
Material sagt mehr als der Schnitt
Die Uniform besteht fast immer aus dünner Baumwolle mit Stretchanteil, nicht selten mit Funktionsfaser, weil sie eigentlich ins Gym gehört und dort auch gut aufgehoben ist. Ein anderer Stoff verändert mehr als jeder neue Schnitt. Ein schweres Baumwollshirt, das seine Form hält, wirkt ruhiger als ein dünnes, das jede Falte nachzeichnet. Leinen im Sommer, ein feiner Strick an einem kühlen Abend oder eine Hose aus leichter Wolle geben dem Ganzen eine Gelassenheit, die man mit Stretch nicht hinbekommt. Gute Stoffe altern, statt nur zu verschleißen. Ein Leinenhemd wird mit jedem Sommer weicher, ein Stretchshirt sieht oft schon nach einer Saison müde aus.
Mit der Farbe verhält es sich ähnlich. Die Uniform kennt Weiß, Schwarz, Grau und im Juni für ein paar Wochen den Regenbogen. Wer Olive, Braun, Ecru oder ein tiefes Marineblau dazunimmt, muss nicht laut werden, um anders auszusehen.
Ein Teil mit Geschichte
Der dritte Ausweg ist der persönlichste und der einzige, den kein Trend liefern kann. Fast jeder Mann, der wirklich gut angezogen wirkt, trägt mindestens ein Stück, das eine Geschichte hat. Die alte Jacke vom Vater, ein Ring aus einer Stadt, in der du einmal ein paar Monate gelebt hast, ein Pullover, der seit fünfzehn Jahren mitkommt und an den Ellbogen langsam dünn wird. Solche Teile kann man nicht kaufen, wenn man sie braucht. Man kann sie nur behalten, wenn man sie hat, und anfangen, neue Dinge so auszuwählen, dass sie eine Chance haben, alt zu werden.
Genau hier scheitert, wer der Uniform mit dem nächsten Trend entkommen will. Wer das enge Shirt gegen das gerade angesagte Oversized-Teil tauscht, trägt in zwei Jahren einfach die nächste Uniform, nur mit mehr Stoff. Der Weg hinaus führt nicht zur nächsten Mode, sondern weg von der Idee, dass Kleidung vor allem ein Mitgliedsausweis sein muss.
Die weißen Sneaker darfst du behalten. Es reicht, wenn sie nicht das Einzige sind, woran man sich bei dir erinnert.


